viehrig.net

Sonntag, den 15. Juni 2008

Zeienſalat oder Zeichensalat?

Abgelegt unter: In eigener Sae — Hausherr @ 7:23 Uhr

Eigentlich ist das eher ein Nachtrag. Ein Nachtrag zu meinem Beitrag vom 11. Juni. Aber das Wort „Nachtrag“ kann ich nicht in die Überschrift schreiben, ohne daß in wenigstens 98 Prozent aller Fälle bei den Lesern, also bei Ihnen, ein heilloser Zeichensalat erscheint. Zumindest nicht so, wie ich es gerne möchte, nämlich in korrekter Frakturschrift. Gleiches gilt natürlich für das Wort „Frakturschrift“ selbst. Es ist ein Elend!

Gestern mußte ich ernüchternde Erkenntnisse gewinnen. Und die machen mich wütend. Seit nunmehr zehn Jahren bin ich mit Unterbrechungen ein sogenannter Anwender am PC daheim und seit acht Jahren auch im Büro. Damit dürfte ich eher ein Spät-, weniger ein Frühzünder sein. Seit zehn Jahren vermisse ich in deutschsprachigen Betriebssystemen, Schreibprogrammen, deutschsprachiger Bürosoftware etc. die Möglichkeit, wenigstens gelegentlich auf Frakturschriften zurückgreifen zu können. Seit zehn Jahren sagte man mir, diese Schriften seien standardmäßig nicht vorhanden. Schließlich gebe es eine internationale Entwicklung und ein Bedürfnis nach international übergreifenden Schrifttypen, da würde die standardmäßige Einrichtung einer Frakturschrift für ein paar Hanseln in Deutschland und Skandinavien nun wirklich des Guten zuviel sein. Notfalls müsse man eben privat nachrüsten. So weit, so zähneknirschend einsichtig.

Mit großer Freude nahm ich folglich zur Kenntnis, daß diese Haltung durchbrochen schien. Eine wahre Erlösung dünkte mir gekommen zu sein, als mir ein Freund einen neuen Laptop aus den USA mitbrachte, darauf das neue „Windows Vista Home Premium“. Und siehe da, Frakturschriften! Gleich ganze drei! Zwar unsauber, da die Ligaturen und das lange „s“ noch immer fehlen, auch besonders schön sind sie nicht. Aber, so sagte ich mir, aller Anfang ist bekanntlich schwer, nur nicht verzagen, schließlich gibt es eine „internationale Entwicklung“, „Harmonisierung“, „Standards“ eben, da wollte ich nicht allzu streng sein. Die Entwicklung schien endlich im Gange, und das ließ mich auf weitere Besserung hoffen.

Bis gestern.

Nachdem ich am Mittwoch mein Experiment gestartet hatte, Frakturschrift nicht nur auf dem heimischen Papier, sondern auch für alle Welt sichtbar (so dachte ich jedenfalls) einzusetzen, kehrte gestern die Ernüchterung ein. Und zwar bescherte die mir ausgerechnet jener Freund, der mir den Laptop mitgebracht hatte. Dieser hat nämlich auf dem heimischen PC ebenfalls „Windows Vista“. Aber im Unterschied zu mir die deutsche Ausgabe. Und ich staunte nicht schlecht: Keine Frakturschriften! Und eine Schrift, die der Browser auf dem deutschen Betriebssystem nicht findet, die zeigt er auch nicht an.

Nun kann man eins und eins zusammenzählen. Die Entwicklung der deutschsprachigen fußt natürlich auf der für den amerikanischen und internationalen Markt entwickelten Vista-Ausgabe. Da sitzen dann deutsche Entwickler und Programmierer und übersetzen im wesentlichen nur das eine oder andere. Wenn also in der deutschsprachigen Version die Frakturschriften fehlen, müssen sie von deutscher Seite aktiv entfernt worden sein! Anstatt die Frakturschriften um die fehlenden Zeichen zu ergänzen oder sie wenigstens fehlerbehaftet auf Vista zu belassen, werden sie ganz herausgenommen. Und dafür gibt es nach meinem Dafürhalten nur eine Erklärung: Blinde linke Ideologie, die um die historischen Zusammenhänge nicht weiß oder diese bewußt ignoriert. Und der bin ich nicht länger bereit zu folgen.

Ich kann nur vermuten, wie lange schon diese Praxis vorherrscht. Gut denkbar, daß das schon bei Windows 98 genauso gehandhabt wurde. Ich weiß es nicht. Denn bisher hatte ich stets nur deutschsprachige Betriebssysteme und folglich nie den Vergleich.

Die Konsequenzen, die ich daraus zu ziehen gedenke, sind einschneidende. Ich habe bereits zehn Jahre gewartet. Wie lange dauert es, bis bornierten die Hirne soweit verfault sind, daß sie auch als Programmierer nicht mehr taugen? Nochmal zwanzig? Wenn nicht einmal der ohnehin schon faule Kompromiß des amerikanischen Marktes in Deutschland bestehen darf, sondern in blindem Eifer auch dieser verhindert wird, dann gehe ich ihn auch nicht ein. Dann bin ich konsequent und verwende eine saubere Frakturschrift, die auch noch wesentlich schöner gestaltet ist.

Nämlich die „LF Fraktur 1“.

Die erhalten sie hier zusammen mit einem sehr guten „Schreib- und Satzsystem, mit dem Texte in Frakturschrift mit Ligaturen und „Lang-s“ nach den klassischen Satzregeln in beliebigen Schreibprogrammen erzeugt werden können.“ Außerdem können damit problemlos ganze Texte auch nachträglich (sofern man das denn einmal möchte, für Einladungskarten beispielsweise) in eine korrekt angewandte Frakturschrift umgewandelt werden. Dieses Programm hat bescheidene Ausmaße, ist gerade einmal 1,3 MB klein, vollkommen kosten- und virenfrei. Um die hier verwendete Frakturschrift zu lesen, muß es nur ein einziges mal geöffnet und zusammen mit einem beliebigen Schreibprogramm angewandt werden. Dann sind die Schriften auf dem heimischen PC installiert und werden zumindest vom Opera-Browser und vom Internet-Explorer korrekt erkannt. Das Programm können Sie anschließend auf dem PC als vollkommen friedliche „Programmleiche“ in irgendeinem Ordner schlummern lassen.

Vielleicht verraucht mein Zorn dereinst soweit, daß ich von der Frakturschrift wieder abgehe. Doch eine Prognose gebe ich lieber nicht ab. Besser ist es wohl, Sie setzen vorerst nicht darauf.

Naja, die Ligaturen und das lange „s“ werde ich auch bei dieser Schrift dann doch weiterhin weglassen. Grrr…


Nachtrag 12. September 2008: Dieser Beitrag stammt aus der Zeit, als dieses Blog noch bei twoday geführt war. Eine Gestaltung der Schrifttype ist bei WordPress generell leider nur in der Bezahlvariante möglich. Eine schmerzliche Einränkung im Vergleich, aber bei weitem nicht schmerzlich genug, als daß ich den Ümzug bedauern würde.

1 Kommentar »

  1. Pingback von Es iñ vo¿bra¡t! « Hausherr — Dienstag, den 2. Februar 2010 @ 9:21 Uhr

    […] jeweiligen Überschriften hernehmen. Nähme ich also eine andere Schrifttype, wären wir wieder bei Zei¡enªalat vs. Zeichensalat. Zum anderen ist da Google. Es steht zu erwarten, daß Google absehbar nicht in der Lage sein wird, […]

RSS feed for comments on this post. TrackBack URL

Leave a comment